"Lohengrin" für Einsteiger

Dirigierte die Uraufführung: Franz Liszt (1811 - 1886)

Vom Textentwurf bis zur Uraufführung

Richard Wagner war eine Ausnahmeerscheinung. Kein anderer Komponist revolutionierte die Operngeschichte und ließ sich außerdem noch nach eigenen Bauplänen ein eigenes, nur für die eigenen Werke bestimmtes Festspielhaus erbauen. Von vielen anderen Komponisten unterscheidet ihn aber auch, dass er die Libretti für alle seiner Opern selbst schrieb. Zur Vorbereitung dafür betrieb er intensive Quellenstudien.

Für „Lohengrin“ zum Beispiel befasst er sich zunächst eingehend mit einer Reihe sehr verschiedener Texte. Dazu gehörten neben dem mittelhochdeutschen Lohengrin-Epos unter anderem der mittelalterliche Versroman „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach, Deutsche Sagen der Gebrüder Grimm, ein Band mit Nacherzählungen niederländischer Sagen und das Nibelungenlied. Auch die griechische Mythologie lieferte ihm Anregung; die Sage vom Göttervater Zeus und seiner Geliebten Semele brachte ihn auf die Idee von Lohengrins Frageverbot.

Zunächst brachte er die Handlung in Prosa zu Papier, bevor er im Herbst 1845 die Versfassung des Librettos vollendete. Im April 1848 war "Lohengrin" fertig komponiert. Das grandiose Vorspiel mit den acht separaten Geigenstimmen, für Thomas Mann „der Höhepunkt der Romantik“, schrieb Wagner übrigens als letztes.

Die Uraufführung, die sein Freund, Gönner und späterer Schwiegervater Franz Liszt (Bild) in die Wege leitete und selbst dirigierte, fand am 28. August 1850, dem Geburtstag Goethes, in Weimar statt. Wagner selbst war nicht zugegen. Denn man warf ihm vor, im Mai 1849 an den Dresdener Mai-Aufständen teilgenommen zu haben, weshalb man ihn des Hochverrats an seinem damaligen Arbeitgeber, dem Dresdener Hof, beschuldigte. Der steckbrieflich gesuchte Komponist musste also fliehen und ging ins Exil in die Schweiz, ebenfalls mit Hilfe von Liszt. Die Handlung der Oper wird oft in Beziehung gesetzt zu Wagners Sympathie für die demokratischen Ideale des Vormärz und die Deutsche Revolution 1848/49.

Erst 1861 in Wien, 13 Jahre nach der Vollendung, konnte der Komponist seine Oper, die inzwischen mit großem Erfolg an vielen Theatern gespielt wurde, zum ersten Mal selbst hören.

Richard Wagner (1813 - 1883)

"Lohengrin" als romantische Oper

Wagner bezeichnete "Lohengrin" als "romantische Oper". Der Begriff „romantisch“ soll aber nicht an sentimentale Schwärmerei oder verträumte Schwelgerei denken lassen. Vielmehr verweist er auf Sujets und Motive, die bei den Künstlern der Romantik hoch im Kurs standen. Und von denen gibt es viele in "Lohengrin":

Die Handlung spielt im Mittelalter. Sie trägt märchen- und sagenhafte Züge. Zauber, Wunder und Magie spielen eine wichtige Rolle. Die irdische Realität kontrastiert die überirdische Sphäre des Grals. Gut und Böse stehen sich – wie im Märchen – klar getrennt einander gegenüber; Elsa und Lohengrin auf der einen Seite, Ortrud und Friedrich auf der anderen.

Auch das Motiv des geheimnisvollen Fremden griffen die Romantiker gerne auf. Lohengrins Geheimnis um seinen Namen und seine Herkunft ist für die Oper sogar von zentraler Bedeutung. Es bildet gewissermaßen den Kern der dramatischen Handlung.

"Lohengrin"– Zwischen Nummernoper und Musikdrama

Zu Wagners Zeiten setzten sich Opern üblicherweise aus Arien, Rezitativen, Ensemble- und Chorszenen zusammen. Mitunter fügten die Komponisten auch kurze Ballette ein. Wagner stellte diese Konventionen radikal in Frage und wollte sie ersetzen. Er entwickelte ein völlig neues musikdramatisches Konzept, das untrennbar mit der Idee eines Gesamtkunstwerks verbunden ist. Musik, Dichtung und darstellende Kunst sollen sich darin gegenseitig ergänzen und durchdringen. Das machte Wagner zu einem der wichtigsten und einflussreichsten Erneuerer der Operngeschichte.

Seine Bühnenwerke bezeichnete er schließlich nicht mehr als Opern, sondern als Musikdramen. Sie bestehen nicht mehr aus lose aneinandergereihten musikalischen „Nummern“, sondern die einzelnen Akte sind ohne Unterbrechung durchkomponiert und die Texte bestehen – anders als traditionelle Libretti bis dahin – fast ausschließlich aus Dialogen. Wagner nahm für sich in Anspruch, den Dialog überhaupt erst in die Gattung Oper eingeführt zu haben. Musikalische Leitmotive sollen zudem inhaltliche Bezüge innerhalb des Dramas und seelische Vorgänge der Charaktere verdeutlichen. Nach dem Vorbild des Chors in der griechischen Antike nimmt das Orchester die Funktion eines Kommentators der Handlung ein.

„Lohengrin“ ist sein letztes Opus, das Wagner als Oper bezeichnete. Tatsächlich erinnert noch vieles an die tradierte Opernform, zum Beispiel die klar erkennbare Nummernstruktur, die Ensemble-Szenen und das Prinzip der Textwiederholung.

Doch das Musikdrama wirft seine Schatten schon voraus: Die Ouvertüre heißt nun „Vorspiel“ und dient nicht mehr nur der Einführung wichtiger musikalischer Themen und Motive, sondern auch der gefühlsmäßigen Einstimmung auf die Handlung. Auch die dialogische Struktur tritt schon deutlich hervor. Als Lohengrin erstmals auf der Bühne erscheint, stimmt er nicht eine virtuose Arie an, wie es sich bis dahin für einen Protagonisten gehört hätte, sondern ein leises Lebewohl an den Schwan. Und Ortrud, als Lohengrins intrigante Gegenspielerin immerhin eine der wichtigsten Figuren der Oper, gesteht Wagner kaum exponierte Solostellen zu. In früheren Opern wäre das undenkbar gewesen. Außerdem sind erste Ansätze von Wagners Leitmotivtechnik hörbar.

In vieler Hinsicht ist „Lohengrin“ ein Werk des Übergangs. Es schlägt die Brücke von der so genannten Nummernoper zum Musikdrama.

Wagnerianer Thomas Mann (1875 - 1955)

Was Spötter und Verehrer über "Lohengrin" sagten

An der Musik Richard Wagners schieden sich schon immer die Geister. Die einen verehrten sie, die anderen lehnten sie entschieden ab. Auch "Lohengrin", der zu Wagners Lebzeiten neben "Tannhäuser" zu seinen erfolgreichsten Opern avancierte, blieb davon nicht ausgenommen. Hier sind einige Stimmen:

"… 'Lohengrin', dessen Vorspiel vielleicht das Wunderbarste ist, was er überhaupt geschrieben hat, und den ich in seiner blau-silbernen Schönheit wohl noch am innigsten liebe …"
(Thomas Mann, Richard Wagner und kein Ende, 1950)

"'Das ist die Kunst, die wir brauchen', rief Dietrich aus. 'Das ist deutsche Kunst!' Denn hier erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. … das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt, und das Volk … schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kritische Unterbau und die mythische Spitzen, beides war gewahrt."
(Heinrich Mann, Der Untertan, 1914)

"Heinrichs civilisatorische Verulkung im 'Untertan' ist hässlich."
(Thomas Mann, Tagebuch vom 26. Juni 1919)

"Ihr 'Lohengrin' ist ein sublimes Werk von Anfang bis Ende; die Tränen sind mir direkt aus dem Herzen gekommen an vielen Stellen. Die ganze Oper war ein einziges und unteilbares Wunder."
(Franz Liszt an Richard Wagner, Weimar, 3. August 1850)

"Wagner hat sich in diesem Werke (um nicht von seinen früheren zu reden) als gänzlich unmusikalisch gezeigt; er hat keine Musik, sondern nur Lärm geliefert, und zwar einen so entsetzlichen, dass nur das Abfeuern von Kanonen auf der Bühne zum höllischen Getöse gefehlt hätte."
(Kleine Musik-Zeitung, Kritik der Uraufführung am 28. August 1850)

"Die Oper der Opern" (Joachim Kaiser, Kritiker und Publizist)