"Der letzte Bayreuther Lohengrin war eine Legende"

Axel Brüggemann ist ein Kulturjournalist von seltener Vielseitigkeit. Er schreibt für Klassik-Magazine und fürs Feuilleton, entwickelt Konzepte für Fernseh-Shows, z.B. "Stars von Morgen" (arte) mit Rolando Villazón, und ist Autor und Regisseur vieler Musikdokumentationen. Außerdem arbeitet er als gefragter Moderator und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter auch zwei über Richard Wagner. Bei allen seinen Tätigkeiten ist ihm eines besonders wichtig: Geschichten zu erzählen und Menschen zu bewegen.

Für Sky Arts HD moderierte Axel Brüggemann das Rahmenprogramm zur Live-Übertragung aus Bayreuth von "Der Ring des Nibelungen" (2016) und "Die Meistersinger von Nürnberg" (2017).

Darüber hinaus erkundete er für den Kultursender in dem TV-Magazin "Art in the City" die Street-Art-Szene verschiedener europäischer Städte.

Mit Sky sprach er über die neue Bayreuther "Lohengrin"-Produktion und er verriet, was die Zuschauer dieses Mal in "Bayreuth – Die Show" erwartet.

Nach der Absage von Roberto Alagna, der ursprünglich den Lohengrin singen sollte, sprang ganz kurzfristig Piotr Beczala ein. Was lässt sich über ihn als Sänger und insbesondere als Wagner-Sänger sagen?

Ich war dabei, als er sein Debüt als Lohengrin in Dresden gegeben hat [2016 an der Semperoper Dresden, Anm. d. Red.], an der Seite von Anna Netrebko. Und Beczala war der Hammer: ein Tenor, der den Schwanenritter verkörpert, sein Heldentum ebenso wie seine Zerbrechlichkeit. Beczala hat eine Stimme, die Geschichten erzählt und Oper zu einem großen Schauspiel werden lässt. Ganz nebenbei ist er auch ein unglaublich sympathischer Mensch.

Mit Spannung wird auch das Bayreuth-Debüt von Anja Harteros erwartet. Was lässt sich über sie als Wagner-Sängerin sagen?

Anja Harteros ist für mich eine der berührenden Stimmen der Welt! Sie ist keine Pop-Diva, arbeitet lieber in Stille an ihren Rollen – und wenn sie dann auf der Bühne steht, singt sie nicht nur, sondern verkörpert Ihre Rollen. Als Elsa wird sie der Hammer sein, da bin ich absolut sicher. Harteros ist in der Klassikszene längst ein sehr, sehr großer Name. Sie kommt vollkommen ohne Bohei aus – aber ich weiß: Sie wird uns alle zu Tränen rühren in der Rolle der Elsa, als Lohengrins Frau, die andauernd mit ihren tiefsten Gefühlen ringt.  

Yuval Sharon führt Regie und das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltet das Bühnenbild und die Kostüme. Klingt nach einer äußerst interessanten Kombination. Was sind Ihre ganz persönlichen Erwartungen an diese Neuinszenierung?

Der letzte Bayreuther Lohengrin von Hans Neuenfels war eine Legende. Die Erzählung um den Gralsritter als  Rattenlabor. Dieses Mal wird es sicherlich vollkommen anders: Rauchs Bühnenbild wird sicherlich sinnlich sein, vielschichtig – eine Folie, vor der die Sänger als Charaktere sichtbar werden. Dafür steht dann Yuval Sharon: Er ist ein begnadeter Regisseur. Seine Spezialität: die Personenführung. Ich erwarte eine Inszenierung, die den Menschen Lohengrin und Elsa ganz nahekommt – ein intimes Kammerspiel. 

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Christian Thielemann. Er gilt als einer der besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit. Was macht ihn als Wagner-Interpreten so besonders?

Thielemann hat nicht nur in Bayreuth immer wieder bewiesen, dass er ein Meister des Rausches ist. Das ist bei Wagner ja nicht ganz leicht: Man muss die Partitur genau kennen, die Effekte gut dosieren. Thielemann hat mir gegenüber die Musik Wagners Mal als Droge beschrieben. Man muss ihre Wirkungen und Nebenwirkungen kennen. Die kennt keiner so gut wie Thielemann. Er ist übrigens Sohn eines Apothekers – und in diesem Sinne vielleicht der beste Chemiker für das typische Wagner-Amalgam.

Wie in den Vorjahren werden Sie wieder "Bayreuth – Die Show", das Begleitprogramm zur Live-Übertragung, moderieren und gestalten. Worauf dürfen sich die Zuschauer dieses Mal freuen?

Nachdem wir beim letzten Mal für unsere Live-Show für den Grimme-Preis nominiert wurden, haben wir uns natürlich sehr gefreut. Dieses Mal wollen wir in diesem Sinne weitermachen. Wir werden die Oper mit pro und contra intensiv debattieren. Natürlich werden wir mit zahlreichen Prominenten und Gästen darüber plaudern, warum Lohengrin noch immer so aktuell ist. Wie ist die Rolle der Frau? Warum hat Hitler diese Oper so geliebt? Ist ein Held, der seiner Frau verbietet, zu wissen, wer er ist, eigentlich noch tragbar? Warum wird der Hochzeitsmarsch aus Lohengrin noch immer bei so vielen Hochzeiten gespielt, obwohl die Ehe doch eher tragisch scheitert? Und: Was hat das alles mit dem Schwan zu tun? Wir werden uns auch dieses Jahr wieder Spiele einfallen lassen, wir werden hinter die Bühne blicken und zeigen, was einem normalen Bayreuth-Besucher verschlossen bleibt. Wir werden mit den Sängern und Musikern sprechen. Und vor allen Dingen: Die Oper spielerisch sehr ernst nehmen. Oper ohne Dünkel, Oper mitten im Leben – Oper als sinnliche, menschliche und topaktuelle Kunst!

Interview: Dirk Buhrmann