Kolumne

"Bei diesem Rennen kann alles passieren“

Formel-1-Experte Marc Surer beantwortet für Sky.de die wichtigsten Fragen zum Großen Preis von Südkorea. Er glaubt, dass auf der „Baustelle“ in Yeongam alle Teams vom Streckencharakter profitieren können. Surer hat die Strecke selbst getestet. Sein Fazit: Hier ist alles möglich.

Wie sieht es in Yeongam aus und welchen Eindruck haben sie von der Strecke?

Ich bin die Strecke selber schon mit einem Leihwagen gefahren. Um die Rennstrecke herum wird zwar noch wie verrückt gebaut und es wird erst auf den letzten Drücker fertig gestellt sein, aber der Kurs an sich ist gut zu befahren. Sogar die Auslaufzonen sind grün. Die Hälfte der Strecke soll später ein Stadtkurs werden, aber dort ist bislang nur Lehm.

Verstehen Sie, wie es zu diesen Bauverzögerungen kommen konnte und warum die Streckenabnahme erst vor einer Woche stattgefunden hat?

Ich finde, die FIA hat sich hier auf ein gefährliches Gebiet begeben, denn es werden ja in den nächsten Jahren noch weitere neue Strecken, in Indien, USA, und Russland dazukommen. Ich hätte es für sinnvoller gehalten, ein Example zu statuieren und das Rennen um ein Jahr zu verschieben. Das Risiko, dass sich die Bauarbeiten an allen neuen Strecken verzögern ist jetzt gegeben. Dass Bernie Ecclestone das Rennen unbedingt stattfinden lassen wollte, liegt sicher daran, dass ein Grand Prix mehr für alle Beteiligten mehr Geld bedeutet.

Keiner weiß, was er von Yeongam erwarten kann, besonders im Hinblick auf den noch sehr frischen Asphalt. Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Zum einen könnte der Belag rutschig sein. Dieser ist ölhaltig und muss erst austrocknen. Dabei kommt das Öl an die Oberfläche. Sollte dieser Fall eintreten, ist es dann aber für alle Fahrer gleich rutschig. Zum anderen - und das wäre meiner Meinung nach viel schlimmer - könnte der Belag aufbrechen. Das passiert, wenn der Belag sich noch nicht gefestigt hat. Ich glaube aber nicht, dass einer der beiden Fälle eintritt. In Abu Dhabi war auch frisch asphaltiert worden und dort betrug die Streckentemperatur über 60 Grad Celsius. Der Asphalt ist trotzdem nicht aufgebrochen und hier in Yeongam ist es nicht annährend so warm.

Die Fahrer haben sich in Simulatoren auf das Rennen vorbereitet. Kann ein Simulator wirklich ein realistisches Bild von einer Rennstrecke abbilden?

An einem Simulator kann man die Kurvenfolge lernen. Ich habe Adrian Sutil am Flughafen getroffen und er sagte mir, dass er unzählige Runden gedreht hat und den Streckenverlauf jetzt auswendig kann. Was man aber nicht in Erfahrung bringt, sind die Höhenunterschiede und ob eine Kurve nach außen oder nach innen hängt. Auch das richtige Anfahren der Curbs wird sich erst beim Training herausstellen. In Südkorea gibt es sehr viele und sehr flache Curbs. Es werden viele Autos abkürzen oder neben die Strecke fahren.

Was sind die Besonderheiten der Strecke in Yeongam und welchem Team wird die Strecke aufgrund ihrer Beschaffenheit besser liegen?

Auffällig ist, dass die Strecke drei Geraden hat, die sehr entscheidend sein werden. Eine davon ist 1,2 Kilometer lang. Außerdem bietet der Kurs jede Menge Möglichkeiten zu überholen. Es gibt einen schnellen Streckenanteil, ähnlich wie in Malaysia und viele enge Kurven und Kurvenkombinationen, vergleichbar mit Singapur oder Monza. Auf dieser Rennstrecke wird es allen drei Teams recht gemacht. Es gibt lange Geraden für McLaren, enge Kurven für Ferrari und schnelle Kurven für Red Bull. Die Chancengleichheit ist in Yeongam auf jeden Fall gegeben. Es wird sehr, sehr eng zugehen und extrem spannend werden.

Gibt es für Sie trotz der Chancengleichheit einen Favoriten für den Großen Preis von Südkorea?

Ich würde aufgrund der drei langen Geraden auf Lewis Hamilton tippen. Sein Auto geht auf derartigen Strecken immer am Besten und nach dem Pech, was er in den letzten Rennen hatte, könnte es jetzt wieder klappen. Allerdings könnten Ferrari und Red Bull hier auch sehr gut sein. Es ist mir fast nicht möglich eine Prognose abzugeben.

Ist der WM-Kampf nach Suzuka zu einem Dreikampf geschrumpft? Oder glauben Sie, dass McLaren noch eine Chance hat, den Titel zu gewinnen.

Hamilton hat nur noch eine Außenseiterchance. Webber, Vettel und Alonso müssten alle Probleme bekommen. Sonst kommt Lewis von der Punkteanzahl nicht an ihnen vorbei. Aber vielleicht haben wir ein verrücktes Rennen. Es ist eine neue Strecke, die keiner kennt und wenn dann noch Regen dazu kommt, könnte alles wieder ganz anders aussehen.

Hat Alonso, der schon zwei Titel gewonnen hat, einen Vorteil in der Verfolgerrolle?

Alonso kann nur gewinnen und Red Bull nur verlieren. Er war ja praktisch schon mal weg aus dem WM Kampf und hat jetzt wieder aufgeschlossen. Ferrari hat extreme Fortschritte gemacht uns das spricht für ihn. Er ist in so einer Situation auch ein extrem cooler Hund, weiß genau, wann seine Chance kommt und nutzt sie dann.

Dietrich Mateschitz hat beiden Red-Bull-Piloten freie Fahrt bescheinigt und damit klargemacht, dass es keine Stallorder geben wird. Vettel und Webber sollen als Team fahren. Wie kann das in der Praxis aussehen?

Das wird natürlich für beide sehr schwer. Umso näher wir an das Finale kommen, umso mehr steht alles auf dem Spiel und man denkt nur noch an sich. Aber Webber hat schon im letzten Rennen bewiesen, dass er in der Lage ist für das Team zu fahren und nicht volles Risiko zu gehen und um jeden Preis gewinnen zu wollen. Wenn Vettel das auch beherrscht, ist das sicher für beide von Vorteil. Ich finde, dass ist in dieser Situation die einzig sinnvolle Taktik. Beide Piloten können sich nur gegenseitig schwächen und Alonso damit stärken.

Was können wir von den anderen deutschen Fahrern auf der neuen Strecke erwarten?

Ich freue mich besonders auf Timo Glock. In der Vergangenheit haben wir das schon oft erlebt, dass er trotz seines schwächeren Autos den eigentlich Schnellsten um die Ohren gefahren ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es diesmal auch wieder sein wird, weil er sich auf neuen Strecken immer sehr schnell sehr gut einfindet. Ich glaube, es wird ein wahnsinnig spannendes Rennen, bei dem alles offen ist und alles passieren kann.

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